Bin ich bereit für mein Leben die Verantwortung zu übernehmen? Und wenn ich für mich Verantwortung übernehme muss ich dann nicht auch für mein unmittelbares Umfeld, in das ich ja zwangsläufig eingebunden bin, Verantwortung übernehmen?
Wie weit erstreckt sich mein zu verantwortendes Umfeld? Bin ich nur für meine Familie, für meinen Freundeskreis, für meine Stadt zuständig oder auch für den Staat in dem ich lebe oder im Sinne der Globalisierung für das Raumschiff Erde?
Bewohner der sogenannten demokratischen Staaten haben es leicht: sie übernehmen durch ihre Stimmabgabe bei den Wahlen die Verantwortung und delegieren sie an die gewählten Volksvertreter. Sind diese einmal an der Macht kann man nichts mehr tun – und man ist frei von jeglicher Schuld. Aber genauso wie eine Führungskraft die letztendliche Verantwortung für die Fehler der Mitarbeiter trägt, so bleibt der mündige Bürger für seine Politiker und seinen Staat in der Verantwortung. Er trägt den gesellschaftlichen Grundkonsens mit, selbst wenn man im Detail vielleicht anderer Meinung ist.
Die Verantwortung bleibt letztendlich immer bei einem selbst und ist nicht delegierbar! Inwieweit der Einzelne eine Zuständigkeit für größere Belange als sein unmittelbares Umfeld fühlt, hängt ganz davon ab, wie sein Anspruch an das Leben, an sein Leben ist.
Das Prinzip Selbstverantwortung bedeutet, dass jeder Mensch für sein Handeln die Konsequenzen tragen muss. Er hat immer die Wahl, sein Umfeld aktiv mitzugestalten und zu verändern. Daraus folgt, dass die Verantwortung für Missstände nicht allein auf den Staat oder diverse Institutionen abgeschoben werden kann, frei nach dem Motto: Ich habe meine Volksvertreter gewählt, sie sind verantwortlich. Selbstverantwortung heißt, dass der Einzelne zu allen Lebensbereichen aktiv seinen Beitrag leistet, falls er den Eindruck gewinnt hier läuft etwas in die falsche Richtung. Nicht einseitige Schuldzuweisung ist angesagt, sondern die prinzipielle Akzeptanz der Selbstbestimmung.
Die Frage, ob es mir gut oder schlecht geht, kennt nur einen Verantwortlichen: Mich selbst! Das Credo muss lauten: Ich habe individuelle Fähigkeiten und mit diesen Anlagen kann ich mein Leben selbst gestalten. Nicht mein Partner oder mein Chef ist dafür verantwortlich, dass es mir gut geht, sondern nur ich selbst. Habe ich z.B. einen autoritären “Knochen” als Chef, so stellt sich die Frage, was ich unternommen habe, um die Situation zu verändern? Leide ich mehr oder weniger still vor mich hin, oder gehe ich das Problem aktiv an. Der Pfeil der Verantwortung zeigt immer auf mich.
Aktiv angehen heißt zunächst den Mitmenschen Vertrauen entgegenzubringen. Ohne Grundvertrauen gelingt es niemals die Berührungsängste im Zusammenleben abzulegen. Vertrauen, das man anderen Menschen entgegenbringt, birgt die Gefahr der Enttäuschung und des Verlustes in sich, andererseits aber auch die Chance des Gewinns, nämlich des Gewinns an neuen Erfahrungen. Wer nicht mehr die Fähigkeit besitzt, neue Erfahrungen im Leben zu machen, weil er Angst hat, der ist bereits tot. Er kapselt sich gegen neue Einflüsse ab, bleibt geistig stehen und ist somit unfähig, sich den natürlichen Herausforderungen der laufend stattfindenden Veränderungen zu stellen.
Da Leben Veränderung bedeutet sind Probleme auf Grund unterschiedlicher Bewertungen dieser Veränderungen eine ganz natürliche Sache. Man muss sie nur als solche akzeptieren. Ein solches Problemverständnis bringt einen Verlust an Sicherheit mit sich, da als gesichert betrachtete Werte, Einstellungen und in der Vergangenheit erfolgreiche Verhaltensmuster hinterfragt und neu bewertet werden müssen. Ein Ding der Unmöglichkeit ohne Vertrauen, Vertrauen nicht nur zu den Mitmenschen sondern auch Vertrauen zu sich selbst. Das Selbstvertrauen in die eigenen Gestaltungsspielräume und Handlungschancen setzt die Erkenntnis voraus, dass der Einzelne nicht nur Spielball von Strukturen und Abhängigkeiten ist, sondern auch der Gestalter seines einzigartigen Lebens.
Dieses Bewusstsein lässt nicht die konkreten Lebensumstände außer Acht, in die ein Mensch hineingeboren wurde. Nicht jeder kann als Unternehmer reich werden oder ins Bundeskanzleramt kommen. Die Frage ist eine andere: Was macht der Einzelne aus den gegebenen Verhältnissen in Verbindung mit seinen einzigartigen, individuellen Fähigkeiten? Verhält er sich passiv und seinem Schicksal ergeben oder übernimmt er die Initiative für seine Träume und Ziele und versucht auf dem Weg der Erfahrung voranzugehen.
Neue Erfahrungen macht man in erster Linie mit anderen Menschen. Ich unternehme etwas, die Konstellationen in meinem Umfeld verändern sich und neue Mitspieler treten auf die Bühne. Gleichgültig ob ich direkt für das Auftauchen neuer Akteure verantwortlich bin oder nicht, entscheidend ist, dass ich für meine Mitmenschen ein Maß an Verantwortung trage, das ich selbst definieren muss. Fühle ich diese Verantwortung nicht, werde ich mich auch nicht um andere kümmern. Bin ich mir dagegen bewusst, dass die Zugehörigkeit zur menschlichen Gemeinschaft von mir verlangt, einen Beitrag zur Weiterentwicklung aller zu leisten, so kann es nicht mehr sein, dass ich meinen Mitmenschen mit Gleichgültigkeit, Verachtung oder Aggressivität begegne.
Diese Verantwortung impliziert, dass man sich nicht einseitig auf Kosten anderer bereichert und eine privilegierte Position dazu ausnutzt, seine Mitmenschen auszubeuten. Wer Privilegien, eine herausragende Position erreicht hat, besitzt ein hohes Maß an Verantwortung für sein Umfeld. Je größer die Privilegien sind, desto größer ist das Maß an Verantwortung für sein Umfeld. Ein Topmanager hat die Verantwortung für alle Mitarbeiter und nicht nur für die Eigentümer oder Aktionäre.
Darüber hinaus besteht eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber nicht nur den eigenen Nutzen zu mehren, sondern auch einen gesamtgesellschaftlichen Mehrwert zu generieren: indem Arbeitsplätze erhalten, geschaffen und nicht vernichtet werden, nur damit Analysten das Unternehmen positiv bewerten. Nicht den Analysten ist man verantwortlich sondern dem Ziel der positiven Weiterentwicklung der Unternehmenssubstanz.
Wer mehr besitzt als andere hat mehr Verantwortung. Dieses “Mehr” kann auch ein Mehr an Intelligenz oder Fähigkeiten sein, was zur Folge hat, dass man die Konsequenzen seines Handelns immer vor dem Hintergrund der Auswirkungen auf andere bedenken muss. Bin ich reicher, intelligenter … als andere, so haben meine Handlungen weitreichendere Auswirkungen. Das Prinzip “Nach mir die Sintflut” bedeutet eine Schädigung des gesellschaftlichen Konsenses über das Zusammenleben. Eine einseitige Nutzenmaximierung erodiert die Basis auf der die Demokratie gründet, nämlich dass gesellschaftlicher Nutzen vor Eigennutzen kommt. Wenn die Auswüchse, die aus den freiheitlich demokratischen Grundrechten abgeleitet werden, nicht in ihre Schranken gewiesen werden, so löst sich der Glaube an den Staat auf. Die freie Marktwirtschaft führt dazu, dass jeder versucht geltende Regeln so zu interpretieren, wie es für ihn persönlich am vorteilhaftesten ist. Die Prinzipien des gesellschaftlichen Zusammenlebens werden schleichend außer Kraft gesetzt und soziale Aspekte verlieren an Wert.
Der Schaden für die Demokratie ist offensichtlich. Wenn der Staat nicht mehr in der Lage ist die von der Mehrheit akzeptierten Regeln durchzusetzen und einzelne sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, geht der Glaube an die Gerechtigkeit staatlicher Prinzipien verloren.