Veränderung

Wir leben in einer Zeit tiefgreifender Veränderung. Aber ist Veränderung nicht immer allgegenwärtig und wir machen uns nur manchmal etwas vor? Wir haben eine stabile Phase erreicht im Beruf, in der Familie, in der Politik. Wie lange dauert es, bis wir beginnen etwas festzuhalten, was uns zu entgleiten droht? Ist die Veränderung durch Corona diesmal so gravierend weil sie lebensbedrohend ist?

Die Wahrscheinlichkeit durch einen Unfall im Haushalt oder auf der Straße, durch einen Grippevirus, durch Alkohol- oder Tabakkonsum etc. zu sterben ist wesentlich höher. Was also ist der grundlegende Unterschied?

Die Pandemie ist ein weltweites Phänomen mit hohen Ansteckungsraten, aber die anderen Möglichkeiten zu Tode zu kommen sind ebenfalls weltweit zu finden. Nur bisher waren die staatlichen Eingriffe und Einschränkungen der persönlichen Freiheiten nicht so gravierend und auch nicht für so viele existenzvernichtend! Eine Veränderung durch Einschränkungen, die den einzelnen hilflos machen und von staatlicher Unterstützung abhängig machen sind auf Dauer kontraproduktiv für eine Lösung der Krise. Auch wenn es Gewinner in der Krise gibt, kann die Lösung nicht in einem weiteren Auseinanderdriften der Gesellschaft bestehen. Die Verteilung der Ressourcen muss in einer demokratischen Gesellschaft durch die Teilhabemöglichkeit aller am Wirtschaftsprozess gewährleistet sein.

Veränderung

Der Traum vom Leben wird jeden Tag neu geträumt, hundertmal, tausendmal, … . Warum muss das Leben ständig neu erfunden werden?

Die meisten Menschen bemühen sich ihre Lebensumstände konstant zu halten, das einmal Erreichte festzuhalten. Dies dient zum einen der psychischen Stabilität, zum anderen zur Aufrechterhaltung des subjektiven Gefühls alles unter Kontrolle zu haben. Dieses Denkmuster führt zu einer Verlangsamung der individuellen Veränderungsprozesse. Festhalten heißt gleichzeitig ein Nichtinfragestellen der grundsätzlichen Parameter, die als individuelle Säulen der Identität fungieren.

Identität bildet sich in unserer westlichen Gesellschaft zu einem großen Teil durch den Beruf den man ausübt und durch die Position, die man inne hat. Ist der Anspruch den man an seinen Beruf hat größtenteils durch die tägliche Arbeit abgedeckt, so stellt sich Zufriedenheit ein. Es handelt sich demzufolge um eine stabile Säule des Lebens.

Das zweite Standbein ist die Familie, sowohl die Herkunftsfamilie als auch die selbst geründete Familie. Dazu gehören auch der Freundeskreis und das ganze soziale Umfeld, die wesentlich zum individuellen Wohlbefinden beitragen. Ist bei den privaten Beziehungen alles ausgeglichen und harmonisch, so wird die Psyche stabilisiert.

Die dritte Säule wird von den Ich-Bedürfnissen gebildet. Ich-Bedürfnisse sind all jene individuellen Wünsche, die man befriedigen würde, wenn man nicht auf seine Familie und sein soziales Umfeld sowie die Arbeit Rücksicht nehmen müsste. Auf Grund einer erfolgreichen Sozialisation hat man gelernt, was im sozialen Kontext noch akzeptiert wird. Die Frage, die sich für den Einzelnen stellt ist: Wie bringe ich die Anforderungen, die mit den drei Säulen der Identität verbunden sind, miteinander so in ein Gleichgewicht, dass ich auf allen Feldern erfolgreich bin bei gleichzeitiger individueller Zufriedenheit?

Hat man einmal diese grundsätzliche Stabilität erreicht will man sie selbstverständlich festhalten, denn die Stabilität hat durchaus einen “Preis” gehabt. Den Erfolg in der Arbeit in Verbindung  mit privater Harmonie sowie vertretbare Kompromisse mit sich selbst bezüglich der Ich-Bedürfnisse sind nur durch harte Arbeit auf allen Feldern gleichzeitig zu erreichen. Dieser erstrebenswerte Zustand, einmal erreicht, will festgehalten werden.

Welche Motivation, welche Gefühlslage verbirgt sich hinter diesem Festhalten? Veränderung bedeutet meist Unsicherheit darüber, ob das, was auf uns zu kommt, wirklich besser für uns ist als der gegenwärtige Zustand oder ob nicht alles sich ins Gegenteil wendet. Davor haben viele Menschen Angst. Veränderungsprozesse sind, bis sie sich wieder stabilisiert haben, immer mit einem Kontrollverlust verbunden. Diesen “Schwebezustand” zu genießen, ohne das Ergebnis mit Sicherheit voraussagen zu können, ist eine hohe Kunst.

Rein hypothetisch kann man Veränderung als Konstante im Leben betrachten. Nichts bleibt so wie es ist, auch wenn die Prozesse manchmal langsam voranschreiten. Das menschliche Leben müsste demzufolge darauf ausgerichtet sein, Denkstrukturen und -Routinen zu etablieren, die bei Veränderungen sofort mit Anpassung reagieren und nicht mit Abwehr. Denkstrukturen, die sofort analysieren, wo sich Handlungsspielräume befinden und wo die momentan unverrückbaren Parameter sind, auf die es sich nicht lohnt, Energie zu verschwenden.

Jeder Mensch besitzt nur eine bestimmte, begrenzte Menge an Energie, die er auf ein Ziel konzentrieren kann oder auch nicht. Ohne ein Ziel vor Augen wird die Energie genauso verbraucht, allerdings mit mehr zufälligen Ergebnissen. Die Wahrscheinlichkeit ist eher gering, dass sich alles zur individuellen Zufriedenheit entwickelt.

Die verfügbare begrenzte Energie ist die zweite hypothetische Konstante im Leben. Wenn die vorhandene Energie nicht beliebig vermehrt werden kann, sondern von vornherein limitiert ist, sollte es selbstverständlich sein, dass man sorgfältig damit umgeht.

Als dritte hypothetische Konstante kann die Bedürfnisstruktur des Menschen angesehen werden. Nehmen wir an die Grundbedürfnisse aller Menschen seien gleich, unabhängig davon in welchem Kulturkreis sie sich aufhalten. Alle wollen das Gleiche: genug zum Überleben (Essen und Trinken), ein Dach über dem Kopf, relative Angstfreiheit vor der Zukunft und etwas Liebe und Geborgenheit. Darin sind alle – fast alle – gleich. Das was darüber hinaus als notwendig zum alltäglichen Leben, als schön, richtig oder falsch erachtet wird, kann durchaus differieren.

Bringt man diese drei Konstanten des Lebens in Beziehung zueinander, so wird deutlich, wo wir bei Veränderungsprozessen ansetzen müssen, um die Bereitschaft des Einzelnen zum Mitmachen zu wecken.

Veränderung: Das Ziel der Veränderung ist für die Betroffenen von erkennbarem Vorteil.

Grundbedürfnisse: Die Grundbedürfnisse können auch nach der erfolgten Veränderung in gewohnter Weise abgedeckt werden und werden grundsätzlich nicht in Frage gestellt.

Energievorrat: Der vorhandene Energievorrat wird nur für eine begrenzte, überschaubare Zeit überproportional in Anspruch genommen.

Angst/Unsicherheit: Ein offener Umgang mit der auftretenden Verunsicherung ist absolut notwendig.

Wie können Angst und Unsicherheit aber vermieden werden, so dass die Neudefinition von Leben aktiv mitgestaltet wird? Mitgestalten heißt die eigenen Ideen einbringen, die Energie auf ein gemeinsames Ziel konzentrieren und gleichzeitig die Hoffnung in sich tragen, dass man es gemeinsam mit den anderen schafft.

Veränderung muss ein Ziel haben und dieses Ziel muss nicht nur kommuniziert sondern auch diskutiert werden und zwar solange, bis die größten Zweifel ausgeräumt sind. Die Möglichkeit der Beseitigung von vorhandenen Zweifeln hängt ganz stark davon ab, in wie weit die Betroffenen einen Vorteil für sich erkennen können. Sind nur Nachteile erkennbar, so stellt sich die Frage: Warum sollte jemand so etwas unterstützen?

Fundamental ist auch die Vermittlung einer Art von Grundsicherheit, dass die Veränderung nicht zu einer gravierenden Einbuße in der Absicherung der Grundbedürfnisse führt, sondern zu einer Stabilisierung oder Optimierung beiträgt. Warum sollte man sich selbst den Boden unter den Füßen wegziehen? Wer viel hat, hat auch viel zu verlieren. Keiner möchte das, was er sich erarbeitet hat, wieder verlieren und von vorne anfangen.

Die Belastbarkeit des Einzelnen stellt eine weitere Herausforderung dar. Wenn jemand von der Sinnhaftigkeit eines neuen Ziels überzeugt ist, engagiert er sich freiwillig und arbeitet wesentlich mehr als normal. Dieses Engagement darf aber nicht dazu führen, dass man den Zeithorizont aus den Augen verliert. Es muss erkennbar sein, wann man wieder einen Gang zurückschalten kann. Ein guter Läufer hat auch Probleme die maximale Leistung zu erbringen, wenn er nicht genau weiß, ob er einen, zehn oder vierzig Kilometer laufen soll. Letztlich ist auch seine Energie begrenzt und muss auf ein klar definiertes Ziel fokussiert werden.

Veränderung

Veränderung braucht Zeit – allein dieser Gedanke ist in der heutigen Situation beschleunigten Wandels Ketzerei. Slogans wie “Die Schnellen fressen die Großen” oder “Turnaround-Management ist Speed-Management” suggerieren, dass Geschwindigkeit im Wettbewerb der einzige entscheidende Faktor ist. Schneller, besser, billiger, der Konkurrenz immer einen Schritt voraus heißt die Devise. Als ob Beschleunigung Inhalte ersetzen könnte oder anders herum gedacht, als ob alle Menschen Hochleistungssportler wären, die man in jeder Disziplin zum Erfolg führen könnte.

Der Begriff der Zeit ist ein zunächst subjektives Konstrukt und deshalb nur bedingt allgemeingültig anwendbar. Was schnell oder langsam ist, hängt nicht in erster Linie von der “objektiv” gemessenen Zeitspanne ab, sondern von dem individuellen Empfinden. Für einen Menschen mit durchschnittlicher Denkgeschwindigkeit ist z.B. ein Visionär mit neuen Ideen und Konzepten, der ohne gründliches Reflektieren der Implikationen sofort weitergeht zu Strategien und Umsetzungsmöglichkeiten, ein Aktivist, mit dem man nur schwer mithalten kann und will.

Die Denkprozesse laufen in verschiedenen Geschwindigkeiten ab und zusätzlich mit anderen Inhalten. Zwar beschäftigen sich diese Inhalte mit der gleichen Zielprojektion, aber unter verschiedenen Perspektiven. Diese Perspektiven gilt es gerade bei Veränderungsprozessen auf die gleiche “Zeitebene” zu heben, da man sonst trefflich aneinander vorbei redet und die Eigenzeit des Vordenkers nicht zur Beschleunigung sondern zu Zeitverzögerungen führt. Der “High-Speed-Aktionismus” schießt wie ein reiterloses Rennpferd ohne verständliche Führung am Ziel vorbei bzw. der Reiter hat das Ziel vor Augen, aber kein Pferd mehr um dahin zu kommen.

Geschwindigkeit ist kein Selbstzweck, sondern dient lediglich dazu effizient ein Ziel zu erreichen. Voraussetzung ist, dass das Ziel von allen Betroffenen auch als solches akzeptiert wird. Rasches, zielorientiertes Handeln ist nur dann möglich, wenn alle notwendigen Ressourcen von den Beteiligten gebündelt werden.

Unterschiedliche Situationen erfordern unterschiedliche Formen von Zeitverläufen. Ein Pilot dessen Maschine sich auf Kollisionskurs befindet muss ohne Zweifel in Sekundenschnelle entscheiden, was zu tun ist. Um hier die richtige Entscheidung treffen zu können muss ein langjähriger Trainings- und Erfahrungsprozess vorausgegangen sein. So erhöht sich die Überlebenswahrscheinlichkeit. Auch hier ist Zeit – obwohl in Sekunden gemessen – als Reifeprozess über mehrere Jahre gewachsen. Dasselbe gilt für einen Sanierungsmanager. Seine zu treffenden Maßnahmen stehen unter einem enormen Zeit- und Erfolgsdruck und trotzdem ist seine Erfahrung von zeitlicher Machbarkeit für den Erfolg ausschlaggebend.

Alle Entscheidungen, ob aus der Situation heraus oder auf Grund reiflicher Überlegungen, sind das Ergebnis von Verlaufsprozessen. Welche Zeitverläufe “optimal” sind, hängt davon ab, wie groß der Druck ist, unter dem die Beteiligten stehen oder zu stehen glauben. Objektiv betrachtet könnte man sagen, dass eine Firma kurz vor der Insolvenz tagtäglich unter Zeitdruck steht. Die verantwortlichen Manager müssen ein hohes Tempo vorlegen. Die Frage, die sich dabei stellt, ist folgende: Wird meine Entscheidung dadurch besser, dass ich mich dem Zeitdruck beuge, noch mehr Gas gebe und allen Mitarbeitern meinen High-Speed Zeitverlauf aufdrücke? Oder muss ich zwar schnellere Entscheidungen treffen und mein Umfeld lediglich durch eine ausreichende Informationsstrategie  auf deren Zeitverlaufsschiene bei der Stange halten? Veränderungsprozesse zielorientiert gestalten heißt die Eigenzeit nicht zum allgemeingültigen Maßstab zu erklären, sondern bewusst mit individuell angepassten Lernkurven den Druck aus dem System zu nehmen.

Die Zeitspanne ist die gleiche, ob man sie lachend oder weinend verbringt. Oder doch nicht? Zeitempfinden ist immer subjektiv, deshalb macht es einen entscheidenden Unterschied, ob man psychisch in guter oder schlechter Verfassung ist. Eine positive Grundgestimmtheit ist das Tor zu einem Zeitverlauf ohne Uhr, negative Dispositionen ziehen die Zeit in die Länge. Aus dem einfachen Grund weil man leidet und in der ewig gleichen Problemschleife gefangen ist: Man sieht nur das Problem und ist unfähig, sich auf mögliche Lösungswege zu fokussieren. Ein Mehr Desselben stellt keinen Erkenntnisgewinn dar, sondern nur eine wachsende Belastung, die das Zeitempfinden in die Länge zieht.

Das Leben findet in dem Augenblick statt, in dem ich lebe – in der aktuellen Sekunde des Jetzt. Deshalb ist das Leben immer gleich wertvoll, unabhängig davon, ob es ein junger Mensch lebt oder ein Neunzigjähriger. Auch wenn man “alles” schon erlebt hat, lebt man trotzdem nur in dem einen Augenblick. Und wen man alles noch vor sich hat, weiß man nie, ob es jemals eintritt. Nur das Hier und Jetzt ist wirklich!

 

Veränderung

Keiner, außer ein Masochist oder ein Selbstmörder, wird sich freiwillig in eine Situation begeben, von der er glaubt, dass sie ihm schadet. Ist eine Situation einigermaßen berechenbar, läuft das Leben in geordneten Bahnen, ich weiß was von mir erwartet wird und was auf mich zukommt. Dafür habe ich ein Verhaltensrepertoire. Aber was ist wenn sich die Situation ändert?

In den Budo-Disziplinen trainiert man verschiedene Verteidigungs- und Angriffstechniken für alle Standardsituationen, um so bewusst richtig reagieren zu können. Das führt zu einer gewissen Sicherheit bei unterschiedlichen Angriffen. Erfolgen die Attacken plötzlich nicht mehr exakt, der Angriff ist keinem Muster eindeutig zuzuordnen, so greifen die Abwehrparaden nicht rechtzeitig. Der Angriff durchstößt die Deckung und mein schönes System ist zerstört. Meine Übungen, die mir Sicherheit geben sollten, waren vergebens.

Auf dieser Stufe kann die Frustration sehr groß sein, da man der Überzeugung war, man hätte alles im Griff. Und hier fängt das Training erst richtig an, wenn man lernen möchte, wie jedweder Angriff durch Variation und Kombination von unterschiedlichen Techniken pariert werden kann. Die Sicherheit entsteht also nicht durch das Üben von mehr Techniken, sondern durch die unbewusste, traumwandlerische Kombination von situationsangepassten Elementen. Dadurch entsteht etwas ganz Neues, etwas das mich befähigt, jeder Herausforderung adäquat zu begegnen.

Wenn ich meine Fähigkeiten kenne, um meine Stärken weiß, aber auch mir meiner Entwicklungspotenziale bewusst bin, gibt es keine Situation, der ich mich nicht ohne Angst stellen könnte. Diese Angstfreiheit oder dieses Bewusstsein meiner Fähigkeiten sind die Voraussetzung, das Leben uneingeschränkt genießen zu können. Je mehr ich mich neuen Situationen, Herausforderungen stelle, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich Neues lerne und meine Wachstumsspirale in Gang halte.

Neue Erfahrungen bedeuten Lernchancen. Mein Lebensmosaik, das aus verschiedenen Erfahrungs- und Fähigkeitsbausteinen besteht, wird sukzessiv erweitert, hoffentlich ohne jemals fertig zu sein.

Es gibt natürlich Ausnahmen: Jemand geht in “geistige Kleinrente” weil er denkt, er wüsste schon alles über das Leben, über richtig und falsch, über gut und böse. Seltsamerweise treffe ich immer wieder auf solche Exemplare, vor allem in Managementpositionen. Aber jeder hat die Wahlfreiheit selbst über seinen Umgang zu entscheiden.

Veränderung

Wir haben Angst vor Veränderungen, wir würden den Kreis der Gewohnheiten am liebsten niemals verlassen. Warum ist das bei den meisten Menschen so?

Ach ja – die Sozialisation, so haben wir es gelernt. Aber diese Antwort greift zu kurz. Der Mensch braucht eine gewisse Verhaltenssicherheit, auch wenn er als Thrill Seeker sich einen Kick verschafft. Nämlich die Sicherheit, dass basierend auf seinen Fähigkeiten mit großer Wahrscheinlichkeit alles gut geht.