Ruhe des Geistes

Wie gehe ich jetzt einen Schritt weiter, um meinen Verstand zu leeren? Im ZEN z. B. übt man ZAZEN, d.h. das bewegungslose Sitzen und meditieren. In den Budo – Disziplinen geht man ähnlich vor. Zuerst übt man eine Abwehr- oder Angriffstechnik ganz bewusst, konzentriert sich auf die richtige Fußstellung, auf die Gewichtsverlagerung, die Haltung und den Bewegungsablauf. Durch diese ungeteilte Konzentration, die keine anderen bewussten Gedankenströme zulässt, entspannt sich der Geist, das bewusste, denkende Ich. Die möglichst exakte Ausführung der Technik steht im Vordergrund. Die volle Konzentration auf einen relativ einfachen Bewegungsablauf erreicht, dass sich der Geist entspannt, von seinen Alltagssorgen und Gedanken entblößt wird und so zur inneren Ruhe kommt. Vorhandene Unsicherheiten werden vergessen.

Auf einer höheren Stufe der Übung erfolgt die gleiche intensive Konzentration auf eine Kampftechnik, aber es handelt sich mehr und mehr um einen unbewussten Akt. Die Feinheiten der Technik sind bereits in “Fleisch und Blut” übergegangen, sie werden, wenn es der Ablauf erfordert, automatisch, ohne Einschaltung des bewussten Denkens, ausgeführt. Diese Konzentration ist auf keinerlei Inhalte fixiert, sie ist absichtslos auf das “Nichts” gerichtet. So wird jeder gedankliche Ballast wie bei der Meditation abgeworfen. Der Geist wird von allen Nebensächlichkeiten befreit, er kann unbelastet auf die Reize seiner Umwelt entspannt und erwartungslos reagieren. Diese Nicht – Fixierung einer Erwartungshaltung ermöglicht es, die Dinge so zu erkennen, wie sie sind, da die Wahrnehmung nicht von Vermutungen überlagert wird.

Diese Sichtweise löst noch nicht alle Probleme, aber wenn ich darauf vertraue, dass mein Ansatz für mich eine neue Erkenntnis, einen Zugang zur Problemlösung darstellt, dann bringt mich nichts mehr so schnell aus dem Gleichgewicht.

Die innere Ruhe zu bewahren ist nicht immer einfach, vor allem dann nicht wenn ich das Gefühl habe, die Kontrolle zu verlieren. Als Selbständiger ist man im eigenen Unternehmen für alles zuständig und verantwortlich. Je nach Anzahl der Mitarbeiter hat man die Möglichkeit “Schuldige” zu finden, falls z.B. die Akquise nicht klappt. Letztendlich ist man aber selbst in der Verantwortung. Man denkt alles unternommen zu haben. Alle Bestands- und Potentialkunden wurden kontaktiert und besucht, Angebote erstellt und nachgefasst und trotzdem bleiben plötzlich ein paar “sichere” Aufträge aus. Man hat alles professionell durchgezogen und trotzdem passiert nicht annähernd das, was man erwartet hat.

Plötzlich ist ein Kontrollverlust eingetreten, der keine Handlungsoptionen erkennen lässt. In einer solchen Situation könnte man leicht “vom Glauben abfallen”. Bietet der Geist, wenn sich der Verstand im Kreis dreht, eine Angriffsfläche, oder ist die mentale Verfassung so zentriert, dass der Zirkelschluss im Kopf ins Leere verpufft?

Die Frage nach der eigenen Wahrheit stellt sich in einer solchen Situation sehr direkt: Ist das, was ich mir bisher als mentales Selbstbild zurechtgelegt habe falsch? Habe ich etwas falsch gemacht? Bin ich vielleicht doch nicht so gut wie ich dachte? Diese oder ähnliche Fragen können unbegrenzt weiter im Kopf kreisen und führen zur psychischen Destabilisierung.

Warum ist klar: Die Selbstsicherheit war nur an formalen Erfolgserlebnissen in der Vergangenheit verankert. Das verhaftet sein an formalen Dingen wie materieller Erfolg, Status, Anerkennung durch Auftragsbestätigung etc. produziert bei Ausbleiben nur Angst und Instabilität.

Die Konzentration auf die wichtigen, als erstrebenswert erachteten Ziele, die die Persönlichkeit weiterentwickeln, verhindert, dass man der Ausübung von Kontrolle einen zu hohen Stellenwert beimisst. Man kann niemals alle Faktoren und Rückkoppelungsprozesse im Griff haben. Deshalb akzeptiert ein unbewegter, angstfreier Geist Situationen, die er nicht beeinflussen kann. Akzeptieren heißt, keine Gedanken an zunächst Unveränderbares zu verschwenden. Die begrenzt vorhandene Energie wird auf neue Aktivitäten konzentriert, um das Ziel zu erreichen. Eine klar Vorstellung der wirklich wichtigen Erfolgsdefinition verhindert, dass man die Nerven verliert und an sich selbst zweifelt.

Angstfreiheit

Ein unbewegter Geist oder Verstand existiert nur wenn er angstfrei ist: Angst vor Versagen, Angst vor Verlust oder Zurückweisung und auch Angst vor Krankheit und Tod. Wer hat schon keine Ängste?

Also ist Angstfreiheit ein theoretisches Ideal? Allein die Tatsache, dass wir uns diesen Zustand vorstellen können, beweist seine mögliche Realität.

Angstfreiheit beruht auf der Erkenntnis eigener Fähigkeiten und Möglichkeiten. Individuelle Stärken und das Gefühl die Kontrolle über sein Leben auszuüben reduzieren die Unsicherheit. Diese Kontrollvorstellung ist in erster Linie ein theoretisches Konstrukt. Keiner kann die Komplexität menschlichen Lebens kontrollieren – bestenfalls ist man in der Lage die Realität angstfrei zu gestalten. Damit verzichtet man auf die Reduzierung der Komplexität und ist in der Lage, sein Umfeld aus unterschiedlichen Perspektiven wahrzunehmen.