Identifikation mentaler Modelle

Will man Menschen und ihre Motive verstehen, so ist es hilfreich ihren mentalen Verstärkungsmechanismus zu entschlüsseln. Was hat den Menschen dazu gebracht, bestimmten Überzeugungen anzuhängen und andere auszugrenzen, abzulehnen oder zu tolerieren? Irgendwann hat jeder im Laufe seiner Sozialisation Wert- und Verhaltensmuster verfestigt und somit relative Sicherheit in der Beurteilung seines Selbst und der Umwelt erreicht. Diese Muster wurden durch ein bestimmtes Belohnungsschema entwickelt in Verbindung mit kulturell bedingten Normen. Wann der Zeitpunkt der Verfestigung einsetzt ist sicher individuell verschieden. Wichtiger ist warum einzelne Individuen ihre Vorstellungen vom Leben, von Gut und Böse, von richtig und falsch, für absolut halten.

Unter utilitaristischen Gesichtspunkten ist die Antwort einfach: vielen beschert diese Sichtweise ein Gefühl der Überlegenheit. Sie erreichen so  ihre Ziele oft auf Kosten anderer und der Erfolg gibt ihnen formal recht. Der Kreislauf schließt sich!

Betrachten wir die gleiche Situation unter dem Gesichtspunkt der individuellen Entwicklungsperspektive so wird deutlich, dass absolute Normen ihre Ursache in einem abgeschlossenen Lernprozess haben. Das Individuum ist im Besitz der Wahrheit und nur diese Wahrheit ist handlungsleitend. Andere Sichtweisen sind demzufolge falsch und müssen bekämpft oder bestenfalls ignoriert werden. Grundsätzlich ausgeschlossen ist nachdenken und das hinterfragen der eigenen Position. Neue Ideen sind somit ausgeschlossen, der Lern- und Wachstumsprozess ist unterbunden. Das Individuum definiert sich quasi als geschlossenes System, eine absurde Leugnung der sich ständig schneller verändernden Umwelt.

Der Versuch, Erklärungs- und Wertemodelle zu konservieren und auf andere ohne einen Prozess der Auseinandersetzung zu übertragen, führt weg von einer positiven Einstellung zum Leben. Das verhaftet sein an Ideen oder auch materiellen Dingen versperrt den Zugang zu neuen Erfahrungen. Die individuelle Wachstumsspirale kann sich nicht weiterdrehen, wenn neue Erkenntnisse per Definition ausgeschlossen bzw.  als negative Einflüsse abgelehnt werden.

Auch wenn diese Ablehnung im Gewande der Toleranz daherkommt und signalisiert, “Wir glauben an unsere Überzeugungen ohne wenn und aber und Ihr (die Anderen) könnt eure Sicht der Dinge beibehalten”, so ist sie dennoch ungeeignet, das Leben positiv zu bewältigen. Ein Erkenntniszuwachs ist ausgeschlossen und Veränderungen wie z.B. in der Gentechnologie müssen mit tradierten Vorstellungen in Einklang gebracht werden oder eben nicht. Eine zweite oder dritte Sichtweise gibt es nicht.

Im Besitz der Wahrheit zu sein wäre schön – oder doch nicht! Alles über alles zu wissen würde Stasis bedeuten, keine weitere Entwicklung würde stattfinden. Der Mensch ist sicher entwicklungsgeschichtlich betrachtet noch nicht am Ende angelangt. Wenn man den technologischen Fortschritt betrachtet so werden die Entwicklungszyklen immer kürzer, die Innovationsschübe immer schneller. Das Leben, genauer das Zusammenleben, verändert sich rapide. Durch die Technologie sind weltweite Entfernungen auf die Distanz eines Business- oder Ferientrips zusammengeschrumpft, die Kommunikationstechnologien vermitteln weltweite Unmittelbarkeit. Jedem steht ein fast unbegrenzter Informationspool zur Verfügung und damit neues, wenn auch nur temporäres Wissen. Temporär deshalb, weil Wissen sich ständig verändert und vermehrt. Je mehr Informationen ausgetauscht werden, um so mehr Kombinationsmöglichkeiten ergeben sich mit immer neuen Perspektiven, wie man die Welt interpretieren kann.

Im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung auf das Lernen zu verzichten heißt, das individuelle Lebensmosaik, in dem Wissens- und  Erfahrungsbausteine aneinander andocken, als abgeschlossen zu verstehen. Das individuelle Wachstum ist eingestellt, die Welt bleibt so wie sie ist – eine trügerische Hoffnung.

Wenn es nur einen Sinn im menschlichen Leben gibt, dann ist es die Veränderung. Und zwar die positive Veränderung. Positiv heißt zielgerichtet und im Austausch mit anderen, fremden Perspektiven und Sichtweisen. Jeder neue Gesichtspunkt ist eine Bereicherung, der den eigenen Lern- und Wachstumsprozess unterstützt. Wer glaubt, er habe alles geregelt und im Griff, ist der irrigen Meinung, dass es darum geht, etabliert zu sein!

Im Hagakure steht dazu folgende Passage: “Ein Mann, der denkt, er sei schon etabliert, ist unklug; ein Mann, der mit festgefahrenen Ansichten zufrieden ist, die er durch erhebliche Anstrengungen gewann, ist bereits in eine Falle getreten. Beide Männer sollten vielmehr erst danach streben, die grundlegende Einstellung gegenüber Fertigkeiten zu erlangen und lebenslange Bemühungen in Richtung auf das letzte Ziel zu unternehmen. Ohne einen Augenblick der Selbstzufriedenheit mit dem bisschen, was man herausgefunden hat, sollte man seine erreichten Ergebnisse immer noch für unbefriedigend und nicht gut genug halten und den rechten Weg zur Meisterschaft das ganze Leben lang erforschen. Die Wahrheit liegt nirgendwo sonst als auf diesem Weg des Bemühens selbst.”(Yamamoto Tsunetomo, Hagakure)