Es ist falsch zu sagen ein junger Mensch hätte ja noch das ganze Leben vor sich oder aus der Perspektive eines alten Menschen, er habe es jetzt fast hinter sich, sein Leben sei gelebt. Der Mensch lebt sein Leben nicht mit einer Zukunfts- oder Vergangenheitsdimension, sondern nur der aktuelle Bezug, das Sein in der Gegenwart ist von Bedeutung. Leben existiert nur als Seinszustand ohne Relation zur Zeit, da das Leben vor einer Sekunde bereits nicht mehr existiert, nicht mehr sinnlich erfahrbar ist. Es ist lediglich durch einen kognitiven Vorgang aus der Erinnerung abrufbar.
Vorausgesetzt diese Annahme ist korrekt, so erscheint es doch verwunderlich, dass im Alltag ein Großteil der Energie in Gesprächen darauf verwandt wird, vergangene Ereignisse zu kritisieren ohne die viel entscheidendere Frage zu stellen, was können wir jetzt tun, um etwas Neues zu erreichen?
Die Dimension der Zeit geht einher mit dem individuellen Tunnelblick, der verhindert, dass die Perspektive von anderen auch nur ansatzweise hinterfragt wird. Man ist mit der Vergangenheitsbewältigung so beschäftigt, dass eine Annäherung an andere Standpunkte ausgeschlossen ist.
Wie kommt der Tunnelblick zustande? Jede Wahrnehmung wird im Gehirn bewusst oder unbewusst abgespeichert. Direkten Zugriff hat man nur auf einen ganz kleinen Teil dieser Informationen, da das Gehirn bewusst individuell nur sehr selektiv wahrnimmt. Der große Rest wird sozusagen ausgefiltert und irgendwo ohne direkte Zugriffsmöglichkeit abgespeichert. Die Art und Weise der selektiven Wahrnehmung hängt von dem individuellen Wahrnehmungsraster des Einzelnen ab, das durch die gemachten Erfahrungen geprägt ist. Welche Erfahrungen ich in der Vergangenheit gemacht habe und wie ich sie zu Vor-Urteilen verarbeitet habe, beeinflusst entscheidend sowohl die Auswahl der potentiell wahrnehmbaren Umweltreize als auch den weiteren “Verarbeitungsmechanismus”, der wiederum zu neuen, gespeicherten Vor-Urteilen führt. Nach der selektiven Wahrnehmung setzt der Prozess der Vermutungen ein, wo man überlegt, wie etwas gemeint sein könnte oder was eigentlich dahintersteckt. Diese Phase geht dann – als Automatismus – nahtlos in die Bewertung des Wahrgenommenen über und schließt den Prozess ab.
Diese Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse finden großenteils unbewusst statt, ohne dass man sich darum kümmern muss. Sie laufen im Wachzustand permanent ab und definieren unsere Realität. Eine sehr subjektive Realität, die nicht immer deckungsgleich ist mit der Realitätsdefinition der Mitmenschen. Und da beginnen die Probleme!
Gelingt es uns aber jetzt die Zeitperspektive auf die Gegenwart zu fokussieren, auf den einzig existierenden Moment im Jetzt, und gleichzeitig unsere automatisch ablaufenden Wahrnehmungsprozesse auf ein Ziel hin zu fokussieren, so wird die Lösungsenergie optimal konzentriert. Die Wahrnehmung ausrichten heißt, den Versuch zu starten, abweichende Perspektiven zu hinterfragen, Übereinstimmungen zu erkennen und dort argumentativ anzuknüpfen, wo eine gemeinsame Schnittmenge besteht.
Der Prozess der Wahrnehmung kann als solcher nicht verändert werden, da er biologisch determiniert ist. Was wir aber gezielt beeinflussen können ist die Anzahl der Wahrnehmungen. Indem wir auf unsere Gesprächspartner eingehen und viele offene Fragen stellen erhalten wir mehr Informationen. Ein mehr an Informationen bedeutet andere Positionen besser zu verstehen und das aneinander vorbeireden zu vermeiden. Den Gesprächspartner von da abzuholen, wo er sich mental befindet heißt auch der Vergangenheitsperspektive – und damit persönlichen Vor-Urteilen – keinen absoluten Stellenwert mehr einzuräumen. Absolute Standpunkte sind für eine Verständigung immer kontraproduktiv.
Wenn nur die Gegenwart, der momentane Augenblick, wirklich zählt, kann trotzdem die Vergangenheit als historische Dimension lehrreich sein. Der Schwerpunkt muss aber auf der Gestaltung des Hier und Jetzt liegen. Die Zukunft kann nur positiv zielgerichtet beeinflusst werden wenn gemachte Erfahrungen mein Handeln nicht einseitig einschränken. Denken und positives Handeln können nur eins sein wenn ich meinen Geist frei vom Ballast der Vergangenheit gemacht habe, ohne aber auf die Lernkurve zu verzichten.
Die Fähigkeit Fragen zu stellen hängt mit der eigenen Sichtweise der Welt zusammen. Die erlernten Wert- und Verhaltensmuster definieren, ob es überhaupt einen Sinn macht, sich auf neue Erfahrungen einzulassen. Nur wenn mein Standpunkt kritikfähig ist und ich mich selbst als offenes System begreife, werde ich die Unsicherheit in Kauf nehmen, neue Informationen wahrzunehmen und auf ihre Tauglichkeit hin selbstkritisch zu überprüfen.
Bin ich dagegen missionarisch unterwegs und leite meine Wertvorstellungen von historischen Wahrheiten her, so bin ich an neuen Aspekten a priori nicht interessiert, da ich alles bereits weiß. Ein Dialog über geistige Grenzen hinweg kann nicht stattfinden, außer der Andere ist willig sich bekehren zu lassen. Dies ist ein Zeichen dafür, dass der Geist orientierungslos auf der Suche nach neuen Werten ist und von seiner bisherigen Interpretation des Lebens enttäuscht wurde. Das neue Interpretationsmuster gibt Halt und Orientierung bei gleichzeitiger Entwertung der bisherigen Erfahrungen bzw. durch die Anknüpfung an “wahre” absolute Dogmen.
Die Frage, die sich an dieser Stelle stellt ist einfach – ebenso wie die Antwort. Was ist Wahrheit? Perspektive!