Veränderung

Der Traum vom Leben wird jeden Tag neu geträumt, hundertmal, tausendmal, … . Warum muss das Leben ständig neu erfunden werden?

Die meisten Menschen bemühen sich ihre Lebensumstände konstant zu halten, das einmal Erreichte festzuhalten. Dies dient zum einen der psychischen Stabilität, zum anderen zur Aufrechterhaltung des subjektiven Gefühls alles unter Kontrolle zu haben. Dieses Denkmuster führt zu einer Verlangsamung der individuellen Veränderungsprozesse. Festhalten heißt gleichzeitig ein Nichtinfragestellen der grundsätzlichen Parameter, die als individuelle Säulen der Identität fungieren.

Identität bildet sich in unserer westlichen Gesellschaft zu einem großen Teil durch den Beruf den man ausübt und durch die Position, die man inne hat. Ist der Anspruch den man an seinen Beruf hat größtenteils durch die tägliche Arbeit abgedeckt, so stellt sich Zufriedenheit ein. Es handelt sich demzufolge um eine stabile Säule des Lebens.

Das zweite Standbein ist die Familie, sowohl die Herkunftsfamilie als auch die selbst geründete Familie. Dazu gehören auch der Freundeskreis und das ganze soziale Umfeld, die wesentlich zum individuellen Wohlbefinden beitragen. Ist bei den privaten Beziehungen alles ausgeglichen und harmonisch, so wird die Psyche stabilisiert.

Die dritte Säule wird von den Ich-Bedürfnissen gebildet. Ich-Bedürfnisse sind all jene individuellen Wünsche, die man befriedigen würde, wenn man nicht auf seine Familie und sein soziales Umfeld sowie die Arbeit Rücksicht nehmen müsste. Auf Grund einer erfolgreichen Sozialisation hat man gelernt, was im sozialen Kontext noch akzeptiert wird. Die Frage, die sich für den Einzelnen stellt ist: Wie bringe ich die Anforderungen, die mit den drei Säulen der Identität verbunden sind, miteinander so in ein Gleichgewicht, dass ich auf allen Feldern erfolgreich bin bei gleichzeitiger individueller Zufriedenheit?

Hat man einmal diese grundsätzliche Stabilität erreicht will man sie selbstverständlich festhalten, denn die Stabilität hat durchaus einen “Preis” gehabt. Den Erfolg in der Arbeit in Verbindung  mit privater Harmonie sowie vertretbare Kompromisse mit sich selbst bezüglich der Ich-Bedürfnisse sind nur durch harte Arbeit auf allen Feldern gleichzeitig zu erreichen. Dieser erstrebenswerte Zustand, einmal erreicht, will festgehalten werden.

Welche Motivation, welche Gefühlslage verbirgt sich hinter diesem Festhalten? Veränderung bedeutet meist Unsicherheit darüber, ob das, was auf uns zu kommt, wirklich besser für uns ist als der gegenwärtige Zustand oder ob nicht alles sich ins Gegenteil wendet. Davor haben viele Menschen Angst. Veränderungsprozesse sind, bis sie sich wieder stabilisiert haben, immer mit einem Kontrollverlust verbunden. Diesen “Schwebezustand” zu genießen, ohne das Ergebnis mit Sicherheit voraussagen zu können, ist eine hohe Kunst.

Rein hypothetisch kann man Veränderung als Konstante im Leben betrachten. Nichts bleibt so wie es ist, auch wenn die Prozesse manchmal langsam voranschreiten. Das menschliche Leben müsste demzufolge darauf ausgerichtet sein, Denkstrukturen und -Routinen zu etablieren, die bei Veränderungen sofort mit Anpassung reagieren und nicht mit Abwehr. Denkstrukturen, die sofort analysieren, wo sich Handlungsspielräume befinden und wo die momentan unverrückbaren Parameter sind, auf die es sich nicht lohnt, Energie zu verschwenden.

Jeder Mensch besitzt nur eine bestimmte, begrenzte Menge an Energie, die er auf ein Ziel konzentrieren kann oder auch nicht. Ohne ein Ziel vor Augen wird die Energie genauso verbraucht, allerdings mit mehr zufälligen Ergebnissen. Die Wahrscheinlichkeit ist eher gering, dass sich alles zur individuellen Zufriedenheit entwickelt.

Die verfügbare begrenzte Energie ist die zweite hypothetische Konstante im Leben. Wenn die vorhandene Energie nicht beliebig vermehrt werden kann, sondern von vornherein limitiert ist, sollte es selbstverständlich sein, dass man sorgfältig damit umgeht.

Als dritte hypothetische Konstante kann die Bedürfnisstruktur des Menschen angesehen werden. Nehmen wir an die Grundbedürfnisse aller Menschen seien gleich, unabhängig davon in welchem Kulturkreis sie sich aufhalten. Alle wollen das Gleiche: genug zum Überleben (Essen und Trinken), ein Dach über dem Kopf, relative Angstfreiheit vor der Zukunft und etwas Liebe und Geborgenheit. Darin sind alle – fast alle – gleich. Das was darüber hinaus als notwendig zum alltäglichen Leben, als schön, richtig oder falsch erachtet wird, kann durchaus differieren.

Bringt man diese drei Konstanten des Lebens in Beziehung zueinander, so wird deutlich, wo wir bei Veränderungsprozessen ansetzen müssen, um die Bereitschaft des Einzelnen zum Mitmachen zu wecken.

Veränderung: Das Ziel der Veränderung ist für die Betroffenen von erkennbarem Vorteil.

Grundbedürfnisse: Die Grundbedürfnisse können auch nach der erfolgten Veränderung in gewohnter Weise abgedeckt werden und werden grundsätzlich nicht in Frage gestellt.

Energievorrat: Der vorhandene Energievorrat wird nur für eine begrenzte, überschaubare Zeit überproportional in Anspruch genommen.

Angst/Unsicherheit: Ein offener Umgang mit der auftretenden Verunsicherung ist absolut notwendig.

Wie können Angst und Unsicherheit aber vermieden werden, so dass die Neudefinition von Leben aktiv mitgestaltet wird? Mitgestalten heißt die eigenen Ideen einbringen, die Energie auf ein gemeinsames Ziel konzentrieren und gleichzeitig die Hoffnung in sich tragen, dass man es gemeinsam mit den anderen schafft.

Veränderung muss ein Ziel haben und dieses Ziel muss nicht nur kommuniziert sondern auch diskutiert werden und zwar solange, bis die größten Zweifel ausgeräumt sind. Die Möglichkeit der Beseitigung von vorhandenen Zweifeln hängt ganz stark davon ab, in wie weit die Betroffenen einen Vorteil für sich erkennen können. Sind nur Nachteile erkennbar, so stellt sich die Frage: Warum sollte jemand so etwas unterstützen?

Fundamental ist auch die Vermittlung einer Art von Grundsicherheit, dass die Veränderung nicht zu einer gravierenden Einbuße in der Absicherung der Grundbedürfnisse führt, sondern zu einer Stabilisierung oder Optimierung beiträgt. Warum sollte man sich selbst den Boden unter den Füßen wegziehen? Wer viel hat, hat auch viel zu verlieren. Keiner möchte das, was er sich erarbeitet hat, wieder verlieren und von vorne anfangen.

Die Belastbarkeit des Einzelnen stellt eine weitere Herausforderung dar. Wenn jemand von der Sinnhaftigkeit eines neuen Ziels überzeugt ist, engagiert er sich freiwillig und arbeitet wesentlich mehr als normal. Dieses Engagement darf aber nicht dazu führen, dass man den Zeithorizont aus den Augen verliert. Es muss erkennbar sein, wann man wieder einen Gang zurückschalten kann. Ein guter Läufer hat auch Probleme die maximale Leistung zu erbringen, wenn er nicht genau weiß, ob er einen, zehn oder vierzig Kilometer laufen soll. Letztlich ist auch seine Energie begrenzt und muss auf ein klar definiertes Ziel fokussiert werden.