Wer oder was motiviert mich? Ich bin demotiviert! Ich habe keine Lust – null Bock auf gar nichts! Woher kommt bei vielen Menschen das Gefühl ausgeliefert zu sein, andere Menschen zu benötigen, um ihre eigene Zufriedenheit und Motivation steigern zu können?
Hinter dem Komplex der Motivation verbirgt sich nicht primär die Unterscheidung zwischen extrinsischer und intrinsischer Motivation, sondern vielmehr die Frage nach den Möglichkeiten sich selbst zu steuern oder andere zu beeinflussen. Die Frage ist letztendlich, ob es der Einzelne grundsätzlich in der Hand hat, sein Leben selbst zu beeinflussen und in eine gewünschte Richtung zu lenken. Oder gehe ich vielmehr davon aus, dass ich andere Menschen benötige, um selbst motiviert zu sein.
Was lernen wir während unserer gesellschaftlichen Sozialisation? Wir sind normalerweise eingebunden in ein soziales Netz, wir sind abhängig von anderen Menschen. Die Strukturen definieren dabei die Chancen und Abhängigkeiten innerhalb des Systems. Hier ist definiert wie man vorankommt und wie man sich damit Erfolgserlebnisse verschaffen kann. Durchschaut man einigermaßen die Spielregeln und passt sich ihnen an, so kann man sie benutzen, um individuellen Erfolg zu erzielen. Der Lerneffekt ist klar: Erfolg entsteht in der Mehrzahl der Fälle durch Anpassung und Vernetzung im System. Ergo sind Abhängigkeiten vorprogrammiert.
Stellt sich der Erfolg jedoch nicht so wie erwartet ein, taucht nicht zuerst die Frage nach möglichen Ursachen auf, sondern die Schuldfrage. Wer ist schuld, dass ich keinen Erfolg habe, wer ist schuld, dass ich nicht motiviert bin? Die Antwort ist vielfach klar: schuld sind die Anderen, der Chef, die Kollegen, die Firma, der Ehemann, die Freundin oder am besten das gesamte System, wer immer auch genau das ist.
Diese häufig anzutreffende Reaktion hängt davon ab, inwieweit ich gelernt habe, für mein Leben selbst die Verantwortung zu übernehmen. Oder habe ich mehr gelernt, dass andere für mich die Entscheidungen treffen? Das ist immer in Ordnung solange alles gut läuft. Aber was wenn nicht?
Wer schimpft hat eine Ausrede und befindet sich in guter Gesellschaft und muss vor allem nichts ändern. Der Zustand des Verhaftetseins in Ohnmacht macht “solidarisch” mit den anderen Leidensgenossen. Die Frage nach eigenen Handlungsoptionen stellt sich nicht, das Gewohnte bleibt unangetastet.
Also: Wie werde ich nun motiviert, wie kann ich individuellen Erfolg haben? Einfach in dem ich hoffe, dass die “Anderen” etwas für mich tun oder indem ich einfach auf mein Glück vertraue? Damit bin ich ausgeliefert. Die Frage der Motivation und des Erfolgs verlagert sich nach außen. In meinem privaten Gedankenbiotop kann ich träumen, aber es passiert nichts. Alles außerhalb entzieht sich meiner Kontrolle.
Es ist zweifelsohne richtig, dass einen Menschen bestimmte Äußerlichkeiten motivieren können, wie z.B. ein neuer Dienstwagen oder eine Gehaltserhöhung bzw. auf der intrinsischen Ebene eine Position mit mehr Gestaltungsspielraum. Aber warum sind es gerade diese Dinge und nicht andere? Warum motiviert nicht jeden genau das Gleiche, warum kann man die Umfeldbedingungen nicht so gestalten, dass alle zufrieden sind und nicht mehr meckern?
Entscheidend ist der Vorgang der individuellen Bewertung, was wie wirkt! Dafür ist eine klare Definition notwendig, was der Einzelne unter Erfolg versteht und welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit sich Motivation einstellt. Erst dann kann eine Bewertung von Umständen, Ereignissen etc. gezielt erfolgen und als Ergebnis eine positive Stimmung zur Folge haben.
Wenn aber der Bewertungsvorgang, nach welchen Kriterien auch immer, der entscheidende Aspekt ist, so sollte der Vorgang der Motivation neu hinterfragt werden. Der Bewertung geht ja zunächst die Wahrnehmung voraus, d.h. der Mensch nimmt mit all seinen Sinnen Umweltreize auf. Und da geht das Problem schon los: Prinzipiell kommen zwar alle Signale an, aber was bewusst erfasst und verarbeitet wird, hängt von den Denk- und Wahrnehmungsmustern ab, mit denen man gerade operiert. Halte ich die Diskussion über eine Optimierung des Kundenservice für überflüssig, weil ich denke wir müssten zuerst unsere technischen Probleme in den Griff bekommen, so wird die Wahrnehmungsphase für die Argumente der Serviceoptimierer eingeschränkt sein, da sich ein wesentlicher Teil meines Gehirns mit der höheren Priorität beschäftigt. “Richtige” Argumente können so trotzdem abgelehnt werden, nur weil sie der Wahrnehmungsfilter als unwichtig klassifiziert. Als Konsequenz daraus ergibt sich eine einfache Regel: Erst müssen beide Parteien die gleiche Problemsicht haben, um mit ähnlichen Denkmustern ihre Wahrnehmung zu harmonisieren.
Ist die Eingangshürde genommen, so ist die individuelle Aufmerksamkeit sozusagen synchronisiert und man kann zumindest von einer ähnlichen Voraussetzung ausgehen. In der zweiten Phase werden die Informationen, die den Eingangsfilter ins bewusste Denken geschafft haben, hinterfragt, manchmal bewusst, manchmal auch unbewusst. Das Gehirn trifft Annahmen, warum etwas so ist wie es wahrgenommen wird, vermutet was dahinterstecken könnte, was das für Konsequenzen haben könnte, etc.. Diese Interpretationsphase, diese prinzipielle Herangehensweise wird geprägt von den Erfahrungen, die das Individuum in solchen oder ähnlichen Situationen bereits gemacht hat. Diese Erfahrungsmuster können den Prozess der Verarbeitung von eingehenden Informationen sowohl unterstützen als auch behindern. Das hängt davon ab, ob die Vor-Urteile zu einem Thema oder einer Person positiver oder negativer Natur sind. Bei positiven Vor-Urteilen ist man sehr viel schneller auf einer ähnlichen Perspektivenebene gelandet, wie wenn man dem anderen a priori nur Schlechtes unterstellt.
Ist die Interpretationsphase abgeschlossen, erfolgt die Bewertung der wahrgenommenen Informationen: Bin ich dafür oder dagegen, spricht mich das als Herausforderung an oder bin ich frustriert und demotiviert.
Für den Motivationsvorgang bedeutet dies zweierlei: Zum einen muss die Priorisierung des Informationsgegenstandes einheitlich sein, zum anderen muss der gespeicherte Erfahrungshorizont des Anderen bekannt sein, um gezielt Rahmenbedingungen zu schaffen, die in der letztendlichen Bewertung zu motivierenden Aspekten führen.
Um sich selbst und andere auf einen gemeinsamen Nenner bringen zu können, ist es unerlässlich die eigenen gespeicherten Wahrnehmungs- und Handlungsmuster zu kennen. Erst von dieser Basis aus kann man ansatzweise die Muster anderer Menschen verstehen. Das Verstehen ist die Voraussetzung für einen konstruktiven Dialog.